EXKURS: Feste im Nationalsozialismus – Begeistertes oder verordnetes Feiern (in) der „Volksgemeinschaft"? (Sek II)

Das politische Fest – Damals und Heute

Im folgenden Unterkapitel geht es um offizielle politische Feste in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Organisation, die Art und der Ablauf von Festen hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten sehr verändert. Zudem unterscheiden sich politische Feste in Autokratien1 und vor allem Diktaturen deutlich von jenen in Demokratien und freiheitlichen Gesellschaften. Die Feste in Neustadt eignen sich als Beispiele, um sich mit den Inszenierungen der Volksgemeinschaftsideologie in der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und die Wirkungsweisen zu hinterfragen. Für die offiziellen Feste gab es zwei Ebenen: Ein zentrales Fest, das mit Auftritten von Adolf Hitler, Joseph Goebbels und anderen führenden NSDAP-Vertretern gestaltet wurde, und gleichzeitig Feste vor Ort in den Städten und Kommunen. Auf diesen Veranstaltungen wurden die regionalen Bräuche mit den Elementen der Zentralfeier verknüpft.

Dieser Exkurs beginnt zunächst mit einer Darstellung in Form eines Audioguides (M1) zum „Reichserntedankfest“, um in das Thema einzuführen. M1 ist in Anlehnung an eine Vorlesung als Tondokument gestaltet und mit einigen Bildern und Visualisierungen hinterlegt. Die weiterführenden Materialien gliedern sich in drei Sektionen: Die erste Sektion vertieft die Annäherung an das Thema und bezieht sich weiterhin auf das „Reichserntedankfest“. In der zweiten Sektion geht es um das Erntedankfest in Neustadt. In der dritten Sektion werden Materialien für Projekte zu den Feierlichkeiten am 1. Mai in Neustadt bereitgestellt.

Aufgabe

  1. Erstellen Sie zum Auftakt (gerne in einem Gruppengespräch) eine kurze Gegenüberstellung mit Ihren Erwartungen und Ihrem Vorwissen zu politischen Festen in Deutschland und Rheinland-Pfalz heute und zu Festen im Nationalsozialismus.

1. Thematische Einführung

Aufgabe

  1. Erarbeiten Sie ausgehend vom Titelbild dieses Unterkapitels2 und einer kurzen eigenen Recherche zu den kirchlichen und volkstümlichen Traditionen des Erntedankfestes in Deutschland eine Liste mit Stichpunkten, wie sich die Begriffe Ernte, Erntedank und Politik miteinander verbinden lassen könnten.

M1: Audioguide zum Thema „Reichserntedankfest"

Teil 1: Eine Einführung
Teil 2: Die Inszenierung des Festes
Teil 3: Die Macht der Bilder und die Kontexte

Tipp: Auf folgenden Internetportalen finden Sie weitere Informationen zu den „Reichserntedankfesten“ 1933-1937.

Aufgaben

  1. Erstellen Sie anhand des Audioguides und der Recherchetipps eine Mindmap zu zentralen Aspekten des Themas „Feste im Nationalsozialismus – Das Beispiel des Erntedankfestes“.
  2. Arbeiten Sie heraus, mit welchen Mitteln die Vorstellungen von „Führer“ und Volksgemeinschaft durch das Erntedankfest gefestigt werden sollten. Beziehen Sie in Ihre Ausführungen auch die Rundfunk-Übertragungen von 1933 und 1934 ein (M3).
  3. Setzen Sie sich auf Basis der Thesen des Historikers Kißener (M2) mit dem Zusammenhang der Festinszenierungen im Nationalsozialismus und massenpsychologischen Phänomenen auseinander.
  4. Nehmen Sie Stellung zum Urteil des Historikers Gelderblom (M4).
  5. Diskutieren Sie auf Basis der in der Info-Box "Streit um den Bückeberg" angegebenen Materialien, wie heute mit jenen Orten umgegangen werden soll, die mit den Festen im Nationalsozialismus besonders verbunden waren.

2. Das Erntedankfest 1933 in Neustadt

Im Audioguide (M1) stand das Erntedankfest auf dem Bückeberg als Beispiel im Mittelpunkt. Sie finden in der folgenden Sektion Materialien zu politischen Festen in Neustadt im Nationalsozialismus. Wie schon gesagt stand das jeweils zentrale Fest, an dem Hitler und andere hochrangige NSDAP-Mitglieder teilnahmen, nicht allein. Die Wirkmacht der Veranstaltungen sollte bis in entlegene Ortschaften und Städte transportiert werden und Teile des offiziellen Festprogramms, z.B. die Rede Hitlers, wurden per Rundfunk bei den regionalen Feiern übertragen.

M5: Dieser Zeitungsartikel „Erntedankfest und Schule“ erschien am 28. September 1933 in der Pfälzischen Bürgerzeitung

M5: Dieser Zeitungsartikel „Erntedankfest und Schule“ erschien am 28. September 1933 in der „Pfälzischen Bürgerzeitung“
M5: Dieser Zeitungsartikel „Erntedankfest und Schule“ erschien am 28. September 1933 in der „Pfälzischen Bürgerzeitung“close

Erntedankfest und Schule

Am Sonntag, dem 1. Oktober wird zum ersten Male vom ganzen deutschen Volk ein gemeinsames Erntedankfest gefeiert. Die Bedeutung des Tages ist auch unserer Schuljugend nahezubringen. Zu diesem Zweck ist in allen Schulen an einem Schultag vor dem Erntedankfest eine Gedenkstunde abzuhalten, in der auf die Erneuerung des Volkstums aus Blut und Boden und auf die Bedeutung des deutschen Bauernstandes hingewiesen wird. Für die städtische Schuljugend sind an einem der Schultage kurz vor oder nach dem 1. Oktober Schulausflüge zu veranstalten, mit denen die Besichtigung eines Bauernhofes zu verbinden ist. Auch die Gedenkstunde kann mit einem solchen Ausflug verbunden werden.
Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus verweist auf die Schrift „Blut und Boden. Die Grundlage der deutschen Zukunft“, die die Bedeutung des deutschen Bauernstandes in herausragender Weise würdigt.

aus: Pfälzische Bürgerzeitung, 28. September 1933.

M6: Anordnungen und Regelungen zum Erntedankfest in Neustadt vom 29. September 1933

aus: „Stadt- und Dorfanzeiger", 29. September 1933

M10: Das Theoriekonzept in Begriffen und Schlagwörtern

Diese Wortwolke fasst die wichtigsten Schlagwörter zum Fachkonzept und zum zeitgenössischen Begriff „Volksgemeinschaft“ zusammen.

Aufgaben

  1. Erklären Sie die Bedeutung, die den regionalen Erntedankfesten in der Pfalz im Nationalsozialismus von Seiten des NS-Regimes zugeordnet wurde. (M6, M7)
  2. Prüfen Sie kritisch, inwiefern die Chronik (M8) eine weitere Perspektive auf das Thema „Feste im Nationalsozialismus“ eröffnet.
  3. Diskutieren Sie den mahnenden Schlussabschnitt der Monographie Kühbergers (M9) im Hinblick auf den Umgang mit nationalsozialistischen Bildern heute.
  4. Erörtern Sie, inwiefern anhand der Quellen und Darstellungen in diesem Unterkapitel Herstellungspraktiken der Volksgemeinschaft (vgl. M10 und Theoriekapitel) analysiert werden können.

3. Der 1. Mai als Feiertag

Der 1. Mai war schon seit dem 19. Jahrhundert ein besonderer Tag im politischen Kalender. Die „Zweite Sozialistische Internationale" hatte ihn 1889 zu einem die Völker verbindenden „Kampftag" erklärt. Auch in den Zeiten der Weimarer Republik riefen am 1. Mai kommunistische Verbände, Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen zu Streiks und Demonstrationen für die Rechte der Arbeiter*innen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf. Der Tag war häufig von Auseinandersetzungen geprägt, die auch die großen Brüche in der Gesellschaft jener Zeit spiegelten. Die NSDAP stand also vor der Frage, wie sie 1933 mit diesem Tag umgehen sollte. 

Die folgenden Materialien können Aufschlüsse über die historischen Hintergründe und den Charakter der Festlichkeiten rund um den 1. Mai geben. Sie finden grundlegende Informationen zur Bedeutung des 1. Mai zur Zeit des Nationalsozialismus auf dem Portal „Lebendiges Museum Online (LeMO)" des Deutschen Historischen Museums. Dieses Kapitel können Sie anhand der Aufgaben bearbeiten. Alternativ werden zwei Vertiefungsangebote zur Projektarbeit angeboten:

  • Die Ausarbeitung eines Ausstellungsplakates
  • Die Ausarbeitung eines szenischen Spiels

M13: Aufruf des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda in der regionalen Presse am 28. April 1933

„An das ganze deutsche Volk!“. Aufruf des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Zeitungsartikel vom 28. April 1933 im „Stadt- und Dorf-Anzeiger“
M16: Aufruf „Ehret die Arbeit!", erschienen im „Stadt- und Dorfanzeiger" am 29. April 1933

M17: Darstellungen der Maifeierlichkeiten in der regionalen Presse

M18: Eine Seite aus dem Stadt- und Dorfanzeiger vom 2. Mai 1933 mit ausgewählten transkribierten Abschnitten

aus: „Stadt- und Dorfanzeiger", 2. Mai 1933

Aufgaben

  1. Erarbeiten Sie aus der Darstellung (M11), dem Festprogramm in Berlin (M12) und aus dem Aufruf von Joseph Goebbels (M14) die politischen Zielsetzungen, die mit den Feiern zum 1. Mai 1933 verknüpft wurden.
  2. Erklären Sie, inwiefern die Anordnungen, die Werbung und die Darstellungen zu den Maifeiern in Neustadt (M13-17) die oben angesprochene Propaganda zum Zweck der Verbreitung von Ideologie und der Darstellung von politischer Macht widerspiegelt.
  3. Ordnen Sie die Maifeiern in Neustadt in die politischen Kontexte des Jahres 1933 ein.
  4. Erschließen Sie aus den Darstellungen der Historiker Becker (M19) und Breß (M20), wie Perspektiven zum "Tag der Nationalen Arbeit" ausgesehen haben könnten, die nicht in den Propagandabildern und den Zeitungsartikeln deutlich werden.
  5. Schreiben Sie einen Leserbrief, in dem die Darstellung zu den Maifeiern im Stadt- und Dorfanzeiger vom 2. Mai 1933 als "Fest der Volksgemeinschaft" kritisch hinterfragt wird.
  6. Bewerten Sie den Charakter des Festes im Hinblick auf die Leitfrage dieses Kapitels: Begeistertes oder verordnetes Feiern (in) der Volkgemeinschaft?
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