Einführung

Wer, wie, was? Unser Lexikon stellt kurz und prägnant zentrale Begriffe, Ereignisse, Orte und Personen zum Thema „Neustadt und der Nationalsozialismus“ vor. 164 Artikel beleuchten Verfolgten-, Täter- und Historiker*innen-Biografien, einschlägige Räume, Institutionen und Vorgänge, unterschiedlichste soziale Felder und Gruppen. Im Blickfeld stehen die NS-Zeit, deren Vorgeschichte und ihre Rolle in der lokalen Erinnerungskultur bis ins 21. Jahrhundert.

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Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau

Der Wagen der Lehr- und Versuchsanstalt für den Umzug am 1. Mai 1933. Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, ML/5048.

von Henning Türk

Die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau spielte zwischen 1933 und 1945 eine zentrale Rolle für den pfälzischen Weinbau und stärkte auf diese Weise die Rolle Neustadts in der Pfalz. Der seit 1933 amtierende neue Anstaltsleiter Josef Alfons Hepp richtete den Lehrbetrieb strukturell und inhaltlich neu aus, um sowohl die Bedürfnisse der potenziellen Winzer gezielter anzusprechen als auch die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie im Lehrplan zu verankern. Zudem sollte die Lehr- und Versuchsanstalt eine Art Oberaufsicht über die verschiedenen staatlichen Stellen des Weinbaus in der Pfalz ausüben. Diese Zentralisierung gelang größtenteils, indem die staatlichen Rebveredelungsanstalten und der leitende Sachverständige für Reblausangelegenheiten der Dienstaufsicht des Anstaltsleiters unterstellt wurden. Bei diesen inhaltlichen und funktionalen Umstrukturierungen spielte neben Hepp der Kreisbauernführer bzw. Gaufachberater Friedrich Bossert eine zentrale Rolle. Hepp entwickelte die formalen Pläne und Bossert unterstützte diese, indem er sie in die nationalsozialistische Agrarideologie einordnete und sich bei den entsprechenden Stellen für die Pläne einsetzte. Diskutiert und abgesichert wurden diese Pläne auch über den Beirat der Anstalt, der unter nationalsozialistischen Gesichtspunkten personell umstrukturiert wurde. Auch im Alltagsleben spielte die Lehr- und Versuchsanstalt eine wichtige Rolle. Sie beteiligte sich an symbolischen Inszenierungen der Volksgemeinschaft, wie etwa am Umzug zum 1. Mai 1933 und an der systematischen Hinausdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben.

Quellen

Bayerisches Hauptstaatsarchiv München ML 5048, 5049, 5050, 5054, 5055, 8847.

Landesarchiv Speyer H3 10265, 10280, 10281.

Literatur

Karl Adams, Die Landes-Lehr- und Forschungsanstalt für Wein- und Gartenbau in Neustadt/Weinstraße, in: Klaus Westrich (Hrsg.), Neustadt an der Weinstraße. Beiträge zur Geschichte einer pfälzischen Stadt. Neustadt a. d. W. 1975, 683–686. Der Aufsatz des ehemaligen Direktors der Lehr- und Versuchsanstalt bietet einen Überblick über die Geschichte der Anstalt, wobei die NS-Zeit nur gestreift wird.

Josef Alfons Hepp, 40 Jahre Lehre und Forschung auf den Gebieten des Wein- und Obstbaues in der Pfalz. Zum 40jährigen Bestehen der Staatl. Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Neustadt a. d. Weinstraße, in: Praktische Blätter für Pflanzenbau und Pflanzenschutz 16, H. 11/12, 1938/39, 275–301. Der damalige Anstaltsleiter Hepp beleuchtet in diesem Aufsatz vor allem die fachliche Bedeutung der Neustadter Einrichtung.

Kathrin Keller, „Blut und Boden.“ Die pfälzische Landwirtschaft im Zeichen der Kriegsvorbereitung, in: Gerhard Nestler/Hannes Ziegler (Hrsg.), Die Pfalz unterm Hakenkreuz. Eine deutsche Provinz während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Landau 1993, 185–196. Der Aufsatz liefert einen knappen Überblick über die Umstrukturierungen der pfälzischen Landwirtschaft in der NS-Zeit.